Wenn der Garten still wird, spüre ich, wie sich auch in mir die Ruhe breit macht. Die letzten Blätter liegen schwer auf dem Boden, Nebel hängt zwischen den Sträuchern und selbst die Vögel scheinen leiser zu singen. Der November bringt eine ganz eigene Art von Frieden – eine, die uns einlädt innezuhalten.
Im Schwedischen spricht man von Stillhet. Wie alle schwedischen Begriffe, hat auch Stillhet eine tiefere Bedeutung: Innehalten. Es ist eine Haltung, eine tiefe Ruhe, die uns erlaubt, zu sein, statt zu tun. Gerade jetzt, wenn der Garten zur Ruhe kommt, dürfen auch wir uns daran erinnern, dass Leben nicht nur im Wachstum besteht, sondern auch im Ausatmen.
Was „Stillhet“ wirklich bedeutet
Stillhet steht nicht nur für „Stille“, das fehlen von Geräuschen wohlmöglich. Es ist die bewusste Entscheidung, die Welt einen Moment lang leiser werden zu lassen, um wieder hören zu können, was im Inneren klingt. Die Kraft zieht sich zurück zur Wurzel. Stillhet bedeutet also nicht Rückzug aus dem Leben, sondern eine tiefe Verbindung zum Leben und sich selbst. In dieser Ruhe kann Heilung beginnen. Unser Nervensystem darf loslassen, der Atem wird tiefer, Gedanken ordnen sich von selbst.
Vielleicht ist das der Grund, warum die skandinavische Kultur diese Stille so selbstverständlich lebt – sie gehört zum Gleichgewicht des Lebens dazu.
Der November im Garten – Zeit des Rückzugs
Während die Natur sich in den Winterschlaf begibt, ist der Garten kein Ort des Mangels, sondern der Vorbereitung. Der Boden regeneriert, Mikroorganismen arbeiten im Verborgenen, Pflanzen ziehen ihre Kraft in die Wurzeln zurück.
Ich verstehe: Mein Garten ist mein Spiegelbild. So wie er, so habe auch ich Zyklen. Rückzug ist kein Stillstand, sondern Teil des Wachstums. In dieser Stille entsteht neue Kraft – langsam und unbemerkt.
3 kleine Rituale der Stillhet im Garten

Morgenkaffee im Nebel
Setze dich dich eingehüllt mit einer warmen Tasse nach draußen und lausche. Kein Ziel, kein Plan – nur das sanfte Atmen des Gartens.

Atempause bei der Gartenarbeit
Zwischen den Handgriffen bewusst innehalten, tief durchatmen, den Geruch von Erde und Regen spüren.

Ein Spaziergang ohne Worte
Lass dein Handy zu Hause und gehe durch deinen Garten oder den nahen Wald – ganz in Stille. Nur du, deine Schritte und das Rascheln der Blätter.
Meine Stillhet-Erinnerung aus Uppsala
Uppsala, November 2013
Die Luft war kühl, der Himmel bleigrau und die Blätter lagen feucht auf den Wegen entlang des Stadtflusses. Ich stand auf der Brücke, atmete die kalte Luft ein und fühlte mich völlig entspannt. Später saß ich im Café: ein warmes Sandwich, ein frischer Salat, cremiger Kaffee, tiefe weiche Sessel, die Lokalzeitung in der Hand. Draußen wurde es früh dunkel. Dich in den Fenstern und entlang der Promenade leuchteten bereits kleine Lichter. Trotz Frost und Kälte lag eine unglaubliche Wärme in der Stadt. Und auch wenn alles stiller wurde, fühlte ich mich nie einsam. Es war Seelenheil.
Wenn ich heute noch daran zurückdenke, spüre ich innere Wärme und Ruhe. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass Stille nicht leer ist – sie ist voll Leben. Vielleicht weil man jetzt auch einfach wieder Zeit für andere Dinge hat… Auf jeden Fall zeigt sie einem, dass man in ihr genau das findet, was im Alltag oft verloren geht: sich selbst.
Stillhet im Alltag – Wie du die Ruhe mitnimmst
Auch wenn dein Garten im Winter ruht, kannst du die Energie der Stillhet in dein tägliches Leben tragen. Es braucht keine großen Veränderungen – nur Bewusstsein und ein wenig Mut zum Loslassen.
- Räume bewusst Zeiten ohne Termine ein – echte Leerräume
- Lege dein Handy für ein paar Stunden beiseite
- Ersetze Aktivitäten durch Beobachtung: Kerzen anzünden, Tee trinken, ein Naturtagebuch beginnen
Das langsame Leben ist kein Rückschritt. Sie ist ein Rückfinden. Stillhet ist ein Anker im schnellen Alltag, ein Zuhause in dir selbst.
Die Natur zeigt uns im November,
dass Rückzug kein Ende, sondern Vorbereitung ist. In der Ruhe liegt nicht Leere, sondern Fülle. Wenn der Garten still wird, darfst auch du still werden – nicht, um weniger zu sein, sondern um wieder ganz zu werden. „In der Stille hörst du, was dein Herz schon lange weiß.“
