Livsnjutare – Die Kunst das Leben skandinavisch zu genießen
Wie du lernst, das Leben wirklich zu genießen – ohne, dass alles perfekt sein muss Es gibt Wörter, die lassen sich nicht übersetzen, ohne dass etwas verloren geht. Livsnjutare ist so eines. Wenn man es versucht, kommt irgendwas wie „Genießer des Lebens“ dabei heraus. Das klingt nett, fast ein bisschen leicht, vielleicht sogar oberflächlich. Ein gutes Essen, ein Glas Wein, ein schöner Moment… aber das tritt es nicht. Ein Livsnjutare ist kein Mensch, der nur die schönen Dinge genießt, wenn alles passt. Es ist jemand, der das Leben annimmt, so wie es ist – und genau darin etwas findet, das es wert macht, erlebt zu werden. Ich denke, das verändert mehr, als man im ersten Moment denkt. Ich habe mir das über Jahre angewöhnt, ohne es bewusst so zu nennen. Dieses Innehalten, dieses bewusste Wahrnehmen von Momenten, die früher einfach an mir vorbeigegangen wären. Nicht, weil sie spektakulär sind, sondern gerade, weil sie es nicht sind. Es ist seit Tagen kalt und grau. Kein Frühlingsgefühl, keine Sonne, die einen nach draußen zieht – und natürlich sehne ich mich nach Wärme, nach Licht und diesem ersten richtigten Aufatmen. Doch gleichzeit ist da dieser Gedanke: So ist es gerade. Weniger als Resignation, vielmehr als ein stilles Annehmen. Die Natur wird sich etwas dabei denken. Beeinflussen kann ich es eh nicht – und das muss ich auch gar nicht. Also ziehe ich mich wärmer an, gehe trotzdem raus, atme die kühle Luft ein und merke, dass auch das seinen eigenen Wert hat. Leiser vielleicht, weniger strahlend, aber nicht weniger echt. Das bedeutet nicht, dass mich nichts mehr stört. Ganz im Gegenteil: Es gibt genug Dinge, die mich impulsartig nerven, mich aus der Ruhe bringen. Und dann gibt es wieder Situationen, in denen ich völlig entspannt bleibe, während andere sich längst aufregen. Mein Mann und ich sind da oft das beste Beispiel. Er reagiert schneller, ich bleibe ruhig – und an anderer Stelle ist es genau umgekehrt. Das gehört dazu. Der Unterschied liegt nicht darin, dass alles an mir abperlt, sondern darin, dass ich immer öfter innehalte und mich frage: Ist es das gerade wert? Muss ich mich darüber wirklich aufregen? Oder lasse ich es einfach stehen, so wie es ist? Das hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Es ist eher eine Art, die eigenen Gedanken nicht mehr gegen alles zu richten, was gerade nicht perfekt läuft. Und genau darin liegt eine enorme Leichtigkeit! Ich hab das besonders stark in Schweden gespürt. Dort habe ich angefangen Dinge anzunehmen, die ich vorher ständig verändern wollte. Meine Haare zum Beispiel: Locken und hohe Luftfeuchtigkeit- keine gute Kombination, wenn man versucht, sie zu glätten. Irgendwann habe ich einfach aufgehört und plötzlich war es kein Thema mehr. Kein Kampf, kein Ärger, kein ständiges Nachjustieren. Es war einfach so, wie es war. Das klingt banal, aber genau solche kleinen Dinge summieren sich. Sie nehmen Druck raus. Sie machen den Alltag leichter. Irgendwann merkst du, dass es nicht nur um Haare geht, sondern um eine grundsätzliche Haltung. Du hörst auf, alles kontrollieren zu wollen. Du hörst auf, gegen Dinge anzukämpfen, die du sowieso nicht ändern kannst. Und plötzlich entsteht Raum. Was sich dadurch verändert, ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Momente bekommen ein anderes Gewicht. Ein ruhiger Nachmittag im Garten. Ein Gespräch, das nicht spektakulär ist, aber gut tut. Zeit mit deiner Familie, ohne das „etwas passieren“ muss. Und dann sind da diese ganz kleinen Beobachtungen, für die ich mir heute bewusst Zeit nehme. Ich bleibe stehen und schaue Insekten zu. Freue mich über jede Biene, die ihren Weg findet, über jeden Falter, der sich niederlässt, über jeden Käfer, der sich durchs Gras „kämpft“ oder unter Steinen einen Unterschlupf sucht, über das leise Summen, das den Garten plötzlich lebendig macht, tanzende Schwebfliegen in der Abendsonne. Ich beobachte die Vögel, die sich ihren Platz suchen, oder den Nachbarskater, der mit einer Selbstverständlichkeit durch die Gärten streift, als würde ihm die Welt gehören. Wenn es regnet, gehe ich nicht automatisch rein. Ich bleibe oft im Schuppen stehen, lehne mich in die Tür und schaue einfach zu, wie das Wasser in die Tonnen fällt – manchmal gleichmäßig, manchmal fast scho wie ein kleiner Wasserfall, wenn die Regenrinne überläuft. Dieses Geräusch, dieses gleichmäßige Prasseln, der Duft der nassen Erde – für mich hat das etwas unglaublich Beruhigendes. Und geichzeitig etwas Leichtes, fast schon Verspieltes. Ich stehe dann einfach da, atme tief ein und merke, wie sich alles in mir entspannt. Kein Gedanke daran, dass ich jetzt „eigentlich etwas anderes machen müsste“. Nur dieser Moment. Manchmal ist da einfach nur Ruhe. Manchmal ein Lächeln. Und manchmal dieses stille Gefühl von Glück, das gar keinen großen Anlass braucht. Ich merke das gerade bei meiner Tochter. Sie sagt: „Mama, das ist nicht spannend genug.“ Und ich sitze daneben und denke mir: Siehst du nicht, wie schön das gerade ist? Diese Ruhe, dieses Einfach-Sein, dieses Nicht-getrieben-Sein? Und gleichzeitig weiß ich: Das ist ein Prozess und irgendwann wird sie es vielleicht auch zu schätzen wissen. Genau so, wie es für mich war. Dieses Genießen hat noch eine andere Seite. Genießen hat noch eine andere Seite – eine, die nicht leiser ist, sondern weiter. Es sind diese Momente, in denen der Garten nicht nur dein Rückzugsort ist, sondern ein geteilter Raum wird. Wenn Freunde da sind, wenn Gespräche entstehen, wenn gelacht wird, während irgendwo im Hintergrund noch eine Gießkanne steht oder ein Beet darauf wartet, weitergemacht zu werden. Ich genieße das genauso. Dieses leichte Chaos, das entsteht, wenn man draußen zusammenkommt. Wenn man ein bisschen organisiert, ein bisschen improvisiert und am Ende doch alles genau richtig ist. Essen im Garten, ein Kaffee zwischendurch, manchmal geplant, manchmal ganz spontan. Und oft sind es gar nicht die großen Runden. Manchmal sitzen wir einfach zu zweit draußen mit einer Tasse Kaffee, vielleicht ohne viele Worte. Jeder für sich und doch zusammen. Dieses stille Beieinander, das nichts braucht, um vollständig zu sein. Genau das ist für mich auch Livsnjutare. Nicht nur die stillen, fast unscheinbaren Momente, sondern auch die, die geteilt werden.
